Bei dem schwedischen Name für diesen Baum ist es bei den Schweden wie bei den Pawlowschen Hunden. In der Literatur gab es in Nordschweden einen Schuster, er hing an seiner Tür das Schild „Geschlossen zwischen Traubenkirsche und Flieder“. Ich haste schnell – okey, mit dem Rollator wird nicht gehastet, man rollt vorsichtig wie es für eine alte Dame gehört – zur S-Bahn und plötzliche spüre ich hier in Berlin den Duft der Traubenkirsche, der Baum sieht nicht so besonders aus, kleine weisse Blüten aber der Duft – einfach betörend und in meinem alten 80-jährigen Gehirn rollen unendlich viele alte Sommermomente noch einmal durch. Dass ich noch einen Sommer erleben darf – welch ein Glück – und voll von Erinnerungen und Traubenkirschenduft rolle ich weiter und mir ist egal, dass ich die Bahn verpasse. Dafür habe ich den Sommerduft erlebt.. der Sommer kann komme, ich bin so weit..
Im Altersheim lernt man, das Leben pragmatisch zu betrachten, Menschen kommen und Menschen gehen. Die süsse alte kleine Dame am Nebentisch war lange im Krankenhaus – kein gutes Zeichen.. – und nun kann man in dem kleinen Buch, das in der Rezeption zu finden ist, lesen, dass sie verstorben ist. Eigentlich nicht so wunderlich wenn man fast 100 Jahre alt und nicht so topfit ist aber dennoch.. sie sass ja immer dort.. Ok, jetzt ist der Stuhl eine Weile leer aber dann kommt die nächste Kandidatin (wir sind zu 80 % Frauen hier, die Männer mögen sich nicht entscheiden) und wartet darauf, nach oben oder nach unten katapultiert zu werden.
Wir haben ein Infoblatt, das wir einmal im Monat bekommen. Dort sind u.a. die Namen der NEU hinzugezogenen aber diejenigen, die entweder nach oben oder nach unten weiterziehen durften, dürfen absolut nicht genannt werden – sagt der Chef. Vielleicht glaubt er, dass wir in eine allgemeine Depression verfallen aber ich könnte wetten, dass ALLE die hier wohnen, wissen was auf sie wartet – scheinbar nur nicht der Chef..
Ok, also Zeit für die Ohren sich noch etwas mehr aus meinem Kopf zu verabschieden.. Schade, schade.. Hatte vor einiger Zeit ein Bose Wave gebraucht gekauft und ich erinnerte mich an mein FRÜHERES Leben – als wir sowas hatten – und ich die Musik darin berauschend fand. Und nun? Fand dass mein Bose etwas dünn war – tonmässig, ok? – und fuhr in das GROSSE Geschäft und stand dort vor hunderten Geräten und schaute hilflos. Einige sind so entsetzlich hässlich, wobei ich mit mir selbst etwas schimpfen musste, hier sollte ja Tonqualität ausschlaggebend sein, nicht Design, Andere monströs, so dass ich hätte anbauen müssen. Hilfe, wie blöd darf man werden? Wenn man bedenkt dass ich jetzt 80 bin – ist wohl keinem inzwischen entgangen – dann wird das Gerät wohl nicht so wahnsinnig viel Zeit zusammen mit mir haben und die Erben würden sich freuen? Nee, für sie sicher Schrott und unhaltbar schlecht sage ich, die immer noch beharrlich einen PC statt MAC hat (also hier bin ich etwas geizig..). Also einigte ich mich mit meiner inneren Stimme auf so ein Mittelding und nun sitze ich hier und überlege, ob das Gerät wirklich besser ist… Doch, doch, die Hörgeräte funktionieren und sind dort wo sie hingehören aber Du Musik, wo bist Du geblieben?
Vor einigen Tagen hatte ich eine Sekunden-Depression, aber nur einen Hauch davon, in echt… Als ich hier durch das Altersheim lief und die vielen grummelden und wackeligen Kandidaten sah, kam der Gedanke, okey Mädchen, jetzt ist das hier wirklich meine endgültige letzte Station und eigentlich laufen wir ja nur hier herum und waren darauf dass wir sterben (die Rentenkasse freut sich..). Dieser Gedanke war aber etwas kontraproduktiv zu meiner ansonsten Superstimmung nach dem Wochenende mit den Kindern aber okey, man kann ja nicht immer glücklich sein. Hast Du Astrid Lindgren das nicht schon mal auch gesagt? War mir so. ..Also gesagt getan, fuhr heute in die Mitte – das ist dort wo alle Touristen aus aller Welt herumlaufen, aufgemischt mit kreativen und ausgeflippten Menschen, dort blubbert das Leben so gerade. Also sass ich beim Griechen in der Sonne und genoss das Essen, dachte, ok, alles wird gut, nahm die U-Bahn nach Hause in meinen gediegenen und vornehmen Stadtteil, wo weder die Kreativen noch die Touris sich hin verirren und wo es manchmal doch ziemlich langweilig ist. Hier draussen brodelt das Leben eben nicht.. Eher dem Altersheim angepasst..
Nachdem ich von der Familienfeier zurück war, hatte ich ein Bedürfnis, diesen ehrwürdigen Tag auch mit meinen Ladies hier im Heim zu feiern aber wie mit 36 qm (inklusive Bad und Kammer und sie kommen ja bei einer Feier nicht in Frage, oder?)??. Ich stürzte mich mutig ins Vorhaben – wie immer mein Motto: „erst handeln und dann nachdenken“ und lud 8 der nettesten Frauen ein, aber wie kann man das wuppen? Ich beschloss Fingerfood und Serviette einzusetzen, denn mein alter Biedermeiertisch packt nicht Sets und Teller für 9 (inklusive meiner Wenigkeit) Personen, also Servietten (Papier..stöhn..nicht mal Stoff..). Die kleinen Happen landeten auf einem grossen Tablett und somit konnte sich jede mit einem Holzpiekser bedienen. Als aber alle Ladies eingetroffen waren, habe ich doch etwas Muffensausen gehabt, die Wohnung war brechend voll (36 qm ist eben nicht soo spaziös..) aber nachdem ich die Ladies zum Hinsetzen aufgefordert hatte, löste sich der Menschenknoten.
Dann kam das nächste Problem – die Gläser, besitze nicht mehr 9 Gläser einer Sorte und passend wäre ja ein Sektchen zum anstossen, also los zu Rewe und Plastiksektflöten gekauft mit einem unbehaglichen Gefühl, dass Plastik unpassend sei. Es erledigte sich von alleine, die Füsse passten nicht zu den Gläsern also wanderten sie in den Mülleimer. Die Damen hier in meinem Haus haben fast alle eine feine Vitrine mit noch feineren Gläsern und icke? Verschiedene Ikea-Gläser.. Aber meine Ladies sind toll – keine sagte etwas, keine schaute schief (vielleicht haben sie von mir auch nix anderes erwartet) – wir liessen den Inhalt unserer Gläser sprechen und meine Angst, mich bis aufs Hemd blamiert zu haben, schwand mit steigendem Weinkonsum.
Es war ein sehr lustiger Abend – ich freute mich, dass mein Instinkt stimmt – die Ladies sind klasse!
Nee, das gibt es nicht aber ich hatte am letzten Wochenende als ich 80 wurde mir das gewünscht. Wir waren in unserem Lieblingshotell – und waren nicht 1 x vor der Tür, was sollen wir dort draussen? Spreewald hin oder her.. – und es fing wie immer traditionell an: in der Lounge auf dem Boden hockend (die Oma natürlich nicht, mit 80 ist das nicht mehr so die Lieblingsstellung, sie haben dort keinen Kran um mich danach hochzuhieven..) Spreewälder Gurken, Kartoffeln, Quark och Leinöl – ein GENUSS…. Dann ab in die Spa-Abteilung, das wunderbar warme Wasser (ich bin eine absolute Warmduscherin) vor dem lodernden Kamin aber es geschehen Wunder!: ich war auch draussen schwimmen, dort wo das Wasser für andere Menschen „normale“ Temperaturen haben. Wunderbar muss ich zugeben – und bin nicht erfroren! Ich sass dann im Restaurant wie eine Patronin am Kopf des Tisches (oder je nach Sichtweise: Kopfende) und blickte über meine kleine Familie + wunderbare Leihtochter und war mächtig stolz über das was ich dort sah! Wunderbare liebevolle, kluge Menschen, mit viel Lachen in den Augen und im Herzen.
Aber wie im Märchen ist es auch mal zu Ende und als ich nach Hause in mein Heim kam, fühlte ich mich zwar „zu Hause“ aber es war so leer, so still, kein Lachen, keine zärtliche Umarmung (vielleicht habe ich doch nicht ALLES bei den Kindern falsch gemacht???). Na gut, kann ich jetzt eh nicht ändern (dat Leben kütt wie et kütt..) aber eins sollen die Kinder wissen:
ICH LIEBE SIE ÜBER ALLES UND BIN SO DANKBAR DAFÜR DASS ICH SIE ALLE HABE!
Liebe Gudrun, es ist eine sture Truppe hier - bloss nix Neues!!!!!!!!!!